Schafe, das Unbekannte Wesen. Die meisten kennen sie vom Vorbeifahren an einer Weide. Eine Gruppe wolliger Rücken, die den Kopf in die Wiese gesenkt haben. Oder wie sie mit Hütehunden geschickt umgetrieben werden. Kaum jemand weiss, wie Unterschiedlich die Schaf Charakter sind, wenn man sich auf sie einlässt.
Liebe zu Tieren war schon immer mein Ding. Als Kind waren es die Pferde, die mich faszinierten und begeisterten. Und schon damals war mein Weg nicht geradlienig. Ich startete in einem kleinen Verein mit dem Voltigieren und durfte da auch reiten gehen. Ich lernte das Reiten nicht auf einem Platz, sondern auf begleiteten Ausritten. Zu zweit. Schritt und Trab, auf Galopp hatte ich nie gross Lust.
Später hatte ich ein Pflegepferd, das in der Trächtigkeit nicht mehr geritten werden konnte. Und so entdeckte ich, dass es eigentlich nicht das Reiten an sich, sonder die Kommunikation mit Nicht-Menschen ist, die mich reizt.
Mehr durch Zufall kam ich von den Kühen bei einem Alp Job aufs Schaf. Zuerst nicht die eigenen, später dann schon.
Schafe haben den Ruf, nicht besonders Schlau zu sein. Und für uns Menschen sehen sie auf den ersten Blick auf alle gleich aus, wenn sie nicht unterschiedlich gefärbt sind.
Und tatsächlich ist für mich als Schäferin die Herde als ganzes genauso wichtig, wie das Individuum. Die Herde besteht aus indivduen, und ein einzelnes Schaf kann tatsächlich grossen Einfluss auf die Führigkeit einer Herde haben.

Für mich ist eine gute Herde, eine Herde die mir vertraut. Und dafür müssen mir die Leitschafe vertrauen. Wenn das Leitschaf kommt, kommt auch der Rest. Ausser, es gibt noch andere Leitschafe, die sich gegen das Folgen entscheiden. Das kann zu äusserst anstrengenden Situationen beim Zügeln auf andere Weiden führen.
Schafe sehen für uns tatsächlich alle ähnlich aus. Aber sie halten ihre internen Reihenfolgen ein. Auch daran kann man sie unterscheiden. Wer steht wo. Wer steht zuvorderst. Wer scharrt fordernd am Gitter. Wer tut seine Missbilligung aus dem Hintergrund kund.
Wir Menschen denken manchmal, ein untergeordnetes Schaf leidet an seiner Position. In einer guten Herde mit genug Futter, Wasser und Ausweichmöglichkeiten ist das nicht der Fall. Im Gegenteil, unser Versuch in die Hierarchie einzugreifen ist zum Scheitern verurteilt. Das Leitschaf will zuerst begrüsst werden, den vordersten Platz haben. Am nächsten am Eimer mit dem Lockfutter gehen. Sie entscheidet für die Herde und die Herde folgt.

Im Lokalen Dialekt nennt man das Leitschaf „Triicheläuwi“ Die Aue mit der Treichel. Eine Treichel ist eine geschmiedete Schelle, wie sie die Schafe tragen und wenn es nicht genug Treicheln für die ganze Herde gibt, bindet man sie den Leit-Auen um. Tatsächlich kennen sich die Schafe am Klang der Treicheln. Wenn man die Treichel vom Leitschaf läutet, sind die anderen aufmerksam.
Das Gefühl, allein mit seiner Schafherde gehen zu können ist unbeschreiblich. Es ist nicht nur das Lockfutter. Auch das Gegenseitige Vertrauen. Vertrauen, dass mir die Schafe nachkommen, auch wenn niemand von hinten treibt. Vertrauen, mir zu folgen, weil es sich für die Herde lohnt.


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